Fleißige Deutsche

 

Februar 2009, eine Meldung im Radio: „Die Deutschen haben noch nie so viel gearbeitet wie 2008“. Wäre nicht der Konjunkturknick im Herbst gekommen, wäre der Anstieg gegenüber den Vorjahren noch deutlicher ausgefallen. Es klingt, als müssten wir stolz darauf sein, so viele Arbeitsstunden wie noch nie zuvor geleistet zu haben. Futter für die Konjunkturmaschine.

Ich kenne auch die Meldungen an der Front des alltäglichen Lebens. Die Zahl der Menschen, die am Rande der Depression entlangkratzen steigt, die Menge der Psychopharmaka nimmt ab. Ebenso die Fähigkeit der Menschen, miteinander zu reden. Geschweige denn, Zeit miteinander zu verbringen. Selbst mit Freunden, die sich lange dem Sog entzogen haben, braucht man Terminkalender und eine Perspektive von mehreren Wochen, um einen gemeinsamen Termin zu finden, die Fülle der zu erledigenden Dinge und Termine ist einfach nicht mehr zu bewältigen. Viele Menschen, jetzt weniger bei Telekommunikationsbranchen und Co, sondern im öffentlichen Dienst leiden täglich neu unter nicht zu schaffendem Arbeitsdruck, Aufgaben, die nicht mehr gelingen trotz freiwillig geleisteter Überstunden, die Zahl unsinniger Regelungen aus der Verwaltungen nimmt nicht nur im pädagogischen Bereich zu: es wütet blinder Aktionismus. Verschlimmbesserungen um jeden Preis, hinterher kann man sagen, „wir haben ja alles getan“. Die alte Regel, erst Denken, dann sprechen, wer hat da noch Zeit für? Hauptsache, wir haben was getan. Die Qualität der Dienstleistungen kann man teilweise so schon gar nicht mehr benennen, alles muss schnell-schnell gehen. Das fällt nicht nur jemandem auf, der mit „Die Möwe Jonathan“ und „Der Papalagi“ aufgewachsen ist und somit eine Idee hat, worum es wirklich im Leben geht.  

Die Lunte der Menschen wird kürzer. Verzweifelt wird versucht, in der wenigen freien Zeit irgendwie Kraft zu schöpfen, um die nächste Woche zu überstehen. Der Andrang beim Autogenen Training nimmt zu, aber die Fähigkeit, dabeizubleiben und selbstbestimmt zu Hause zu üben dramatisch ab: jemand soll kommen und den Stress wegnehmen. Und nichts kosten soll es auch. Beziehungen werden belasteter. Es bleibt weniger Zeit für die Kinder - unverzeihlich, denn diese Zeit ist ihnen für immer genommen, man kann versäumtes nicht wieder gut machen. Die Urlaube sollen es bringen, aber immer öfter höre ich, die Kraft und Ruhe des Urlaubs ist nach nicht zwei Wochen Alltag schon wieder aufgebraucht. Rippenfellentzündungen und beginnende Lungenentzündungen werden so lange wie möglich ignoriert und man macht einfach weiter, bis gar nichts mehr geht. Und dann erkennen die Schulmediziner die Erkrankung nicht mal, sie diagnostizieren Erschöpfung und Überlastung. Wahrscheinlich meinen sie sich selbst, denn auch ihnen wird Zeit weggenommen, die sie bräuchten, um den Patienten mal tiefer in die Skleren zu schauen. Ganz schlecht, wenn man in dem Bereich ist, wo man die Hilfe eines Nervenarztes braucht: den Psychiatern wird nur noch eine Viertelstunde pro Quartal und Patient bezahlt. Daher wird von Psychiaterseite zynisch eine neue Kurzzeitbehandlung propagiert: „Guten Tag Herr… auf Wiedersehen, sie finden Ihr Rezept an der Rezeption. Bitte vergessen Sie nicht, einen Termin für das nächste Quartal zu machen." Merkwürdige Krankheiten wie das „Sticky-Platelet-Syndrom“ tauchen auf: eine seltene stressausgelöste Erkrankung. Betrifft eine ewig-fleißige, die noch den alten inneren Ehrgeiz hat, dass sie alles Arbeitspensum vorgelegt bekommt, auch schaffen will. Chronische Überlastung treibt das Adrenalin in die Höhe, bei entsprechender genetischer Disposition werden die Blutplättchen so klebrig, dass sie Infarkte verursachen, zum Beispiel in der Lunge. Hätte auch das Hirn sein können, oder am Herzen. Nach langem Krankenschein und noch in der Wiedereingliederung interessiert das keinen Menschen: sie darf zusätzlich eine Krankheitsvertretung machen. Wer am Stress stirbt, ehrlich gesagt, ist selbst schuld. Pflichtgefühl und Angst um den Arbeitsplatz müssen ihre vernünftigen Grenzen finden. Wider der alltäglichen Lebensweisheit suchen noch immer viele Arbeitnehmer in ihrer Beziehung zum Arbeitgeber die fürsorglichen Eltern, die sie auch schon nicht gehabt haben. Aber Geben und Nehmen sind die Ausnahme geworden. Und Nehmen heißt heute fordern, verlangen, unter Druck setzen, Angst machen. Es wird nichts gedankt, es muss nur bezahlt werden: in Form von Beziehungen, die verloren gehen, in Form von Gesundheit, die verloren geht und manchmal nicht wiederkehrt. In Form von Lebensqualität, die in weiten Kreisen der Bevölkerung nicht nur eine bedrohte Art ist, sondern schon als ausgestorben gilt. Wie stolz kann ich darauf sein, immer mehr Menschen zu kennen, die jede Freude an ihrem Beruf verloren haben? 

Stress macht übrigens noch etwas: alt. So manche Menschen habe ich in diesem letzten Jahr altern sehen, wie noch nie zuvor. 

Nein, darauf können wir nicht stolz sein. Schämen müssen wir uns für diese Meldung. Schämen. 

 

 

 

Diese Seite ist Teil von www.haraldeisenberg.de. 
Sollten Sie keinen Navigationsrahmen sehen, klicken Sie bitte auf folgenden Link:
  

Startseite.