Zuviel vom Zuviel

Ich bekenne. Ich bin ein Konsumsüchtling. Dieses Eingeständnis fällt mir schwer, wie das bei Eingestehen von Sucht eben ist. Lange habe ich mich selbst getäuscht, mich blind gehalten für die eindeutigen Zeichen. Selbst als ich begann, zu sehen, was ich nicht sehen wollte, hat es Jahre gebraucht, um nun an diesen Punkt zu kommen, mich zu stellen. Und es fällt noch immer schwer, wirklich zu realisieren, was das geschehen ist - und geschieht. Aber nun, da ich beginne zu sehen, möchte ich auch beginnen, auszusteigen - nicht nur mit Lippenbekenntnissen, die doch immer wieder gebrochen werden, sondern im gelebten wirklichen Leben.  

Es begann mit einem Buch. Um Feng Shui ging es, und um den befreienden Akt des Entrümpelns. Ich erkannte gleich, wie viele Menschen meiner Umgebung dieses Buch dringend lesen sollten - meine eigene Betroffenheit hielt ich noch von mir fern. 

Aber inzwischen steht mir die Fülle der Dinge - und meine zunehmende Unfähigkeit, mich so um sie zu kümmern, wie die Mühe ihrer Produktion es rechtfertigt - bis zum Hals. Ich schaffe es einfach nicht mehr. Die Folgen meiner Sucht drohen die Funktionalität meines Alltags in Frage zu stellen - oder offensichtlich zu werden. Dinge. Überall. Um mich herum. Wie kamen sie da hin? Wer hat sie gekauft? Kann es wirklich sein, dass es derart viele Dinge sind? Und dass ich bei einem beachtlichen Anteil dieser Dinge nicht einmal bemerken würde, wenn sie verschwinden würden? Dass es Dinge um mich herum gibt, die ich sogar glaube, noch nie gesehen zu haben? Eine Expedition durch unseren Zweipersonenhaushalt offenbart, dass es wirklich so ist. 

Heute wird mir klar, was ich schon lange predige: Dinge sind Ballast, sind Verlust, binden, verbrauchen Zeit, Energie und Raum. Immerhin, ich muss zunächst arbeiten, um mir Dinge leisten zu können. Dann muss ich Zeit investieren, um herauszufinden, was ich denn unbedingt brauche oder haben will, oder was zu kaufen ich spontan Lust habe. Wer einmal versucht hat, den mp3-Player zu finden, der einen Mikrofoneingang und eine hochwertige Kodiermöglichkeit besitzt; oder einen leisen Festplattenreceiver mit CD-Brenner, funktionierender Firmware und DVBT-Empfangsteil unter 500 Euro; oder den günstigsten gut bewerteten Camcorder mit 3 Sensoren, 16:9 und Mikrofonanschluss (den ich, das möchte ich betonen, rein beruflich zu brauchen glaube) wird verstehen, dass die Industrie speziell die Geräte, die man braucht, nicht produziert, damit man sich Stunden und Tage durch Informationen, Zeitschriften und Tipps aus dem Bekanntenkreis wühlen muss, als Beitrag zur allgemeinen Konsumtrance. Das ist geschickt; gäbe es das, was man braucht, würde man es einfach kaufen können, und wo bliebe dann der Jagdtrieb und damit der Anreiz für weitere Käufe? Aber das nur am Rande, eigentlich wollte ich von den Ergebnissen der Beschau des nach außen gewendeten Selbst berichten. 

Bücher also, Bücher. Und noch mehr. Dabei habe ich in meinem Leben wiederholt Hunderte davon aussortiert und entsorgt. Trotzdem: es sind gut 1200 in Wohnung und Praxis versammelt. Da taucht dann gleich das nächste Problem auf: Diese Bücher brauchen Schränke, in denen sie ansprechend verwahrt werden. Also wieder arbeiten, um die Schränke kaufen zu können, und in die Welt gehen, die Schränke zu erwerben, und dann die Schränke aufbauen und die Bücher einordnen. Der nächste Zeitfresser: nach welchem System ordne ich sie? Und dann stehen sie nicht einfach nur herum, das heißt schon, aber während sie das tun, bilden sie hervorragende Landeplattformen für Staubteilchen jeder Art. Also will jedes Buch mindestens zweimal im Jahr abgestaubt werden: das mal 1200. Und will ich es loswerden, muss ich mich mit dieser Frage auseinandersetzen: ich habe es, will ich es noch? Werde ich es jemals wieder lesen? Oder ist es nur dekorativ? Kann ich es einfach wegschmeißen? Müllvolumen muss letztlich auch bezahlt werden, Müllentsorgung macht nicht nur mir Arbeit. Wenn ich es ganz schlimm gestalten will, stelle ich es bei E*ay ein: ist ja zu schade zum wegwerfen. Die E*ay-Seiten sind im Laufe der Jahre immer komplexer und detailreicher geworden; dann noch die ganze Abwicklung, wenn jemand es haben will: Verpackungsmaterial besorgen, Briefmarken, Emails und so weiter - bis ich es endlich los bin, hat es mich fast soviel Zeit gekostet, wie beim Lesen selbst. Apropos E*ay: stolze 844 positive Bewertungen wollen auch erst mal erarbeitet werden. Habe mir deshalb vorgenommen, es nicht auf 1000 zu schaffen. 

Das ist nur ein Beispiel. Von der Wiege bis zur Bahre, Dinge kosten. Wiederholt und immer wieder. Schließlich brauche ich auch eine Wohnung, die all das Mobiliar fasst, in das ich all die Dinge hineintue. Die wiederum will beheizt werden. Es ist eine Spirale, aus der es fast keinen Ausweg gibt... es sei denn Zusammenbruch oder den selteneren Fall, wach werden und Einsicht finden. Dinge kosten. Jedes einzelne. Sie kosten nicht irgendwen irgendetwas - sie kosten mich: meine Lebenszeit; mein Geld; meine Zeit um das Geld zu verdienen. Ich will es vorweg nehmen. Hätte ich frühzeitig Einsicht gefunden, ich würde möglicherweise schon in Rente gehen können. Und ich bin noch nicht mal 50. Zu spät... Das klingt übertrieben? 

Also wie war das: 1200 Bücher. Sicher, ein Schwachpunkt von mir. Wohl nur übertroffen von meiner Schwäche für Musik. Eine grobe Übersicht zeigt, da stehen um die 1300 CDs. Ein Drittel vielleicht selbst gefertigte Privatkopien - mit einlesen, bearbeiten, brennen, kontrollieren. Ich darf gar nicht dran denken, dass ich über Jahre sogar mit Einscannen, Bildbearbeitung und Formularen Cover erstellt habe... wie viele Stunden das gekostet hat... ohne zu ahnen, dass besonders die, denen ich einen Aufkleber spendiert habe, inzwischen nicht mehr abspielbar sind. Mir wird schlecht... Die MCs habe ich nicht gezählt. Sind nicht viel über 200. Ähnlich viele also, wie auch Schallplatten im Schrank stehen. Hatte ich die auf Computer gesicherten Musikdaten schon erwähnt? Derzeit sind das 24998 Dateien (natürlich habe ich zwei externe Festplatten zu Sicherungszwecken - eine lagert auswärts, falls die Wohnung mal ausbrennt - dann habe ich zumindest noch Fotos meiner wichtigen Ausbildungs- und Fortbildungsdokumente). Ich mag gar nicht ausrechnen, wie viele Wochen ich am Stück Musik hören müsste, um alles mal wieder anzuhören. Das schaffe ich in diesem Leben hoffentlich gar nicht mehr. Dazu kommen auch die vielleicht 300 Fortbildungs-DVDs und -CDs. Im Vergleich dazu fällt die Konfrontation mit dem Interieur der Küche fast harmlos aus: vielleicht 130 Lebensmittel-Artikel in Kühlschrank und Tiefkühltruhe. Darunter, was man wirklich braucht: 10 Senfsorten, wie z.B. Balsamico-Senf, Feigensenf und Senf-Dill-Sauce. In den anderen Schränken sind überschlagsweise weitere 250 Lebensmittel und Gewürze versammelt. Im Wohnzimmer finden sich weitere Vorräte. Ohne ins Detail zu gehen, etwa 150 Artikel, darunter keine 20 Rotweinflaschen, alle haben schon ein MHD, wahrscheinlich sind nur wenige drüber. Was sich sicher ändern wird, bevor wir in der Lage sind, all die Soßen und französischen Linsen auch zu verbrauchen.

Schuhkartons mit Fotos zu versehen gibt gleichzeitig den Wäscheklammern eine Daseinsberechtigung

Aber ich will Sie nicht langweilen mit den vielleicht 20 Artikeln zur Wäschepflege, die sich rund um die Waschmaschine finden, die Kosmetikabteilung mit allem Zubehör  meiner Partnerin übergehe ich aus Diskretion, in der Heimwerkerabteilung findet sich, mangels Neigung und Befähigung bei mir, wirklich nur das nötigste, vielleicht 250 Schraubendreher, Imbussschlüssel, Geräte und ähnliches. In der Musikalienabteilung finden sich ein Klavier, drei Gitarren, eine Djembe, eine große Rahmentrommel, ein Cajon, eine wunderschön mit Intarsien versehene arabische Darabuka die vom Bruder von Khamis Henkesh in Kairo persönlich mit Fischfell bespannt wurde, während Khamis daneben saß und seinen Shai Nana trank, ein chinesischer Gong für Entspannungsübungen in Gruppen, diverseste Kleinperkussion; an Schreibwaren ist kein Mangel und der Klassiker ist natürlich Kleidung, dazu Deko-Artikel, die Kerzen lassen sich am besten kartonweise zählen; vom Dachboden will ich gar nicht anfangen, da befindet sich allein schon eine Umzugskiste auf der "Ausstechformen" steht, ich will gar nicht erst wissen, was sich sonst noch alles dort oben verbirgt. Geschirr und Besteck sind in mehrfacher Ausführung vorhanden und mancherlei Küchengerät, dessen Sinn ich mir nicht erklären kann. 

 

Der selbstgemachte Rhythmus-Shaker aus einer Sonderedition des Getränkeherstellers erinnert an eine lange Kinonacht

Die Bestandsaufnahme lockert bei mir jene sensorischen Sperren, die angeblich besonders Männer für den Nahbereich haben. Ich entdecke sogar, dass ich noch einen DVD-Player besitze, während ich schon bei E*ay erfolglos für einen neuen gesteigert hatte, weil unser alter sich an einer offiziellen DVD zum Delphin-4-Test verschluckt hat - wahrscheinlich hat er sich den Unsinn zu sehr zu Herzen genommen, jedenfalls hat er sich von dem Schock nicht mehr erholt und ist blind für Medien aller Art geworden. 

In abgelegenen Wohnungsregionen finden sich in jedem Haushalt vereinzelt idyllische Biotope wie dieses, mit meiner ersten türkischen Darrabuka, an der mir damals Erkan die ersten Grundlagen gezeigt hat, und einer unbekannten Puppe, die sich als Perücke einen antistatischen Putzstab in Deutschland-Farben gefunden hat - ein friedliches Zusammenleben der Nationen.

Süchtig ja, aber auch Messie? Oh nein. Mit grob geschätzten vielleicht 35.000 Gegenständen liegen wir sicher nur im Mittelfeld. Die Läden sind voll, Werbung teuer und doch findet sie sich überall - ich hatte schon immer den Verdacht, das irgendwer die ganzen Dinge auch kaufen muss. Dass aber ich selbst es bin... Die Konfrontation mit der Wahrheit klärt meine Sinne. Ich spüre, wie der Blick sich für die Realität öffnet, auch an anderen Stellen meiner Lebensführung, wie ich bereit bin, Dinge anzugehen, die ich lange ignoriert habe. Man muss ja auch immer erst selbst an den Punkt kommen. Das mentale Wegwerfen hat sozusagen schon begonnen...

Ordnungshelfer überall - Dinge für die Dinge für die Dinge um die es eigentlich geht, hier Kleidung.

Was mich zu der Frage zurückführt, wie konnte es dazu kommen? Dinge - bei Anne Donath geht es doch auch fast ohne. Natürlich, der Zeitgeist, die Vorbilder, die Gewohnheiten, man rutscht eben so rein in so eine Sucht. Aber es muss ja auch einen Suchtgewinn geben? 
- Etwas haben - jemand sein. Schon Erich Fromms Klassiker über Haben und Sein zeigt, unsere Kultur hat sich erheblich verlaufen: hat ihr Sein verloren und krallt sich daher am Haben fest. 
- Wollen - Haben. Frustrationsfähigkeit, Begrenzungen aushalten, Selbstregulierung: Fehlanzeige. Die Un-Kultur, dass Dinge nahezu unbegrenzt zu haben, also wertlos und nahezu beliebig sind, hat sich inzwischen in die Beziehungswelten der Menschen ausgedehnt. Auch hier wird viel konsumiert, verbraucht und weggeworfen, wenn es mal nicht funktioniert. 
- Ablenkung - nicht fühlen. Eine Kultur, in der die Aufgeräumtheit des Vorgartens unendlich viel wichtiger genommen wird als die Aufgeräumtheit des Seelenlebens erzeugt Seelen-Müll ohne Ende. Putzen Sie mal 20 Jahre Ihre Küche nicht. So sieht's aus in den Menschen drinnen - Grund genug, die innere Leere einerseits und die vielen Konfliktlagen übertünchen zu wollen. Schminke gut - alles gut. Bis die Schminke abbröckelt. 
- Die Leere füllen. Wo fehlt, was da sein sollte, entstehen Leere und Mangel. Da es oft schon am grundsätzlichsten fehlt, wie dem Willkommen sein im Leben und dem genährt werden nach dem wirklichen Bedürfnis an Körperbedarf, Erfahrungshunger, Beziehungswelt und Seelenleben, gibt es viel zu überdecken - und die Lösung wird außen gesucht, wo ursprünglich die Bedarfsdeckung auch hätte herkommen sollen. 
- Sich schützen - sich umhüllen. Nur nicht nackt im Leben stehen. Umhüllt sein: von Düften, die nicht unsere sind, mehrschichtigen Kleidungslagen, formellem Verhalten und gut gepflegten Illusionen, von der Vielzahl von Dingen, von Abstand zu den anderen, Mauern und Gardinen an den Fenstern, unterwegs von den Käferpanzern unserer Autos. Macht einsam, aber sicher. 
- Dazugehören. Eine der zentralsten Motivationen der menschlichen Existenz. Basal betrachtet ist Dazugehörigkeit Leben und Ausgestoßensein Untergang und Vergehen. Wie auch immer die Kultur sein mag, dazuzugehören gehört einfach dazu. Das ist schon auf zellulärem Niveau so. Wenn eine Zelle in einer Krebsgeschwulst zur Welt kommt, wird sie tunlichst versuchen, auch so zu sein, wie die anderen, und sich sehr gestört vorkommen, sollte sie gesund sein. 

Es braucht also Emanzipation und Arbeit. Sich befreien aus dem Wust des wohligen Wohlstandsbürgers ist kein einfaches Unterfangen. Je mehr die Seele gereinigt, die Bedürfnisse gestillt, die Selbständigkeit erworben, desto leichter fällt es, aber genau diese fallen nur wenigen in den Schoß. Dennoch, es lohnt. Denn wer falsch lebt, dessen Leben gelingt nicht, je falscher, desto weniger, wer richtiger lebt, dem fallen auch viele Folgeprobleme ab. Falsch aber leicht leben hat Konsequenzen. Für einen selbst individuell, für die von einem abhängigen Menschen wie Partner, Freunde und vor allem Kinder, für die Welt insgesamt. Ich brauche wohl nicht groß erwähnen, dass Konsum zu unserem Krankheitsbild Zivilisation dazu gehört, dass wir hier an einem der Ursprungsorte unserer Selbstzerstörung sind. Aber bevor es unerträglich wird, ziehe ich mich von den schwierigen Wahrheiten wieder zurück. Es geht ja ums anders machen. Weg mit dem Müll. Innen wie außen. Sich vielleicht nicht frei, aber freier machen. In Gang kommen, mobil werden. Platz gewinnen. Bewegungs- und Denkräume schaffen. Zeit freiwerden lassen. Vielleicht sogar etwas sehr altmodisches wiederentdecken: die sogenannte Muße - einem Begriff, dem Wikipedia ganze zwölf Zeilen und drei Literaturhinweise widmet. Kaum mehr als ein Zehntel dessen, was Michael Ballack an Text wert scheint. 

Wie hieß nur gleich dieses Feng-Shui-Buch, mit dem alles anfing...
Ich glaube, ich habe es verschenkt. Gut so. 
Karen Kingston, Feng Shui gegen das Gerümpel des Alltags. Rowohlt, ISBN 3499613999

Ach so, ein Gedanke noch: Viel Unheil kann allein durch Nichtstun schon verhindert werden... 

 

 


Letzte Bearbeitung dieser Seite: 23.10.2010

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